„Daheim haben sie keine Chancen“ Kolping, Caritas und Arche bilden ab November junge Kosovaren für die Pflege aus

„Daheim haben sie keine Chancen“ Kolping, Caritas und Arche bilden ab November junge Kosovaren für die Pflege aus

Es ist eine vielseitige und spannende Ausbildung, dennoch: Zu wenige junge Menschen wollen hierzulande Pflegefachkraft werden. Der Personalmangel vor allem in der Altenhilfe spitzt sich deshalb immer weiter zu. Kolping-Mainfranken möchte einen Beitrag dazu leisten, dass die Situation in der Region nicht noch prekärer wird: Ab November werden in der Kolping-Akademie zehn Pflegekräfte aus dem Kosovo für den Pflegeberuf nach deutschen Standards ausgebildet. Kooperationspartner sind die „Caritas“ und die Arche gGmbH.

Die Gewinnung ausländischer Fachkräfte ist umso dringlicher, weil es immer mehr Personal braucht, um die wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen zu versorgen. Dies betonte Georg Sperrle, Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH, bei der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages im Kolping-Center Mainfranken. „Derzeit haben wir in Deutschland 3,5 Millionen Pflegebedürftige, im Jahr 2050 werden es fünf Millionen sein“, so der Chef über 14 Pflegeeinrichtungen in der Diözese Würzburg, in denen 1.600 Senioren versorgt werden. Vier junge Männer aus dem Kosovo sollen künftig die Pflegeteams in den Würzburger Einrichtungen verstärken.

Natürlich habe sich im Vorfeld die Frage gestellt, ob es überhaupt wünschenswert wäre, junge Leute aus dem Kosovo abzuwerben, erklärt Rolf Müßig, Geschäftsführer der Würzburger Arche gGmbH. Würden sie nicht auch dort dringend gebraucht? „Am Anfang habe ich das Ganze kritisch gesehen“, so der Leiter von sieben Pflegeeinrichtungen. Doch junge Leute haben im Kosovo kaum Chancen auf einen Job, liegt die Arbeitslosenquote doch bei 50 Prozent. Selbst in der Pflege übersteigt die Zahl der Bewerber mehrfach jene der freien Arbeitsplätze. Müßig: „Ich sah das vor Ort, und es hat mich sehr nachdenklich gemacht.“

Für die jungen Kosovaren bedeutet das Projekt eine Chance, über den Tellerrand zu blicken, neue Kompetenzen zu erwerben und sich ihren Lebensunterhalt wieder selbst zu verdienen. Mit Hilfe einer Partnerorganisation wurden im vergangenen Jahr vor Ort zehn Interessierte ausgewählt. Mitte November werden sie voraussichtlich in Würzburg eintreffen um im Rahmen des gemeinsamen Pilotprojektes eine Anpassungsqualifizierung zur Anerkennung als Pflegefachkraft in Deutschland zu absolvieren.

Die Idee Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu bringen ist nicht neu. Neu ist aber der hohe integrative Ansatz. Für Unterkünfte sorgen die „Caritas“ und die Arche gGmbH. Bei der „Caritas“ und der „Arche“ können die Teilnehmer sofort als Pflegehilfskraft bereits praktische Einblicke in die Pflege in Deutschland erhalten. Parallel absolvieren sie an der Kolping-Akademie eine mehrmonatige Qualifizierungsmaßnahme. Die Verbesserung der vorhandenen Deutschkenntnisse, die Vermittlung der Pflege-Fachsprache sowie die Sensibilisierung für kulturelle Unterschiede gegenüber dem Heimatland stehen hier im Vordergrund. Fehlendes theoretisches Wissen wird ebenfalls erlernt. Das Ziel ist eine gelungene und langfristig angelegte Integration.

Dass die Zielgruppen der jüngsten Kolping-Initiative nach höchsten ethischen Maßstäben ausgewählt werden, versicherte Stefan Bothe, Geschäftsführer der Kolping-Mainfranken GmbH, bei der Vertragsunterzeichnung. „Aus diesem Grund sind wir zum Beispiel auch schnell wieder von dem Gedanken abgekommen, rumänische Pflegekräfte anzuwerben“, betonte er. In Rumänien sei der Pflegemarkt durch intensive Abwerbung inzwischen so stark ausgedünnt, dass es auch dort vor Ort nicht mehr genug Personal gibt, um alte Menschen mit Pflegebedarf zu versorgen. Im Kosovo sei die Situation völlig anders: „Dennoch gehen wir auch hier äußerst behutsam vor.“

Auf den Gesichtern der zehn ausgewählten Bewerber spiegelte sich Erleichterung, als sie hörten, dass sie nach Deutschland gehen, sich dort weiterqualifizieren und arbeiten dürfen. Viele hatten kaum eine andere Perspektive gehabt. „Die Gefahr ist groß, dass sie in dieser Situation an unseriöse Vermittler geraten“, so Sperrle. Das Kolping-Projekt ist mit der Regierung von Unterfranken und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgestimmt. Nach ihrer erfolgreichen Qualifizierung und Anerkennung als Fachkraft werden die jungen Kosovaren eine Berufserlaubnis von der Regierung als Pflegefachkraft erhalten. Damit können sie einen unbefristeten Aufenthalt beantragen.

Auch wenn Träger von Pflegeeinrichtungen aktuell keinen anderen Ausweg sehen, als ausländische Fachkräfte anzuwerben, weisen sie doch gleichzeitig darauf hin, dass dies nicht die Lösung sein kann. „Für uns ist das Projekt nur ein Puzzleteil“, unterstrich Caritasdirektorin Pia Theresia Franke. Es müsse generell neu gedacht werden, damit die Situation in der Pflege nicht noch prekärer wird. Von der Politik wünscht sich Franke einen Runden Tisch, an dem alle Probleme, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt haben, offen diskutiert werden können, um endlich adäquate Lösungen zu finden.

Wichtig ist allen Beteiligten, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die jungen Kosovaren nach ihrer Qualifikation auch tatsächlich in Unterfranken bleiben. Die Teilnahme an dem Projekt verpflichtet sie nämlich nicht dazu, langfristig in einer Einrichtung der „Arche“ oder der „Caritas“ tätig zu sein. Dies wird nur gelingen, wenn sich die Pflegekräfte wohl fühlen. Die Teilnehmer werden daher während des gesamten Zeitraums von der Kolping-Akademie sozial-pädagogisch begleitet. Es geht nicht nur um die Besetzung vakanter Stellen, es geht vielmehr um eine erfolgreiche Integration der jungen Kosovaren in unsere Gesellschaft. Den jungen Kosovaren daher eine neue Heimat zu bieten, das ist laut Tanja Eisler, Leiterin der Kolping-Akademie, ein Kerngedanke des Projekts.

Wollen einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Personalsituation in der Pflege verbessert (von links): Stefan Bothe, Geschäftsführer Kolping-Mainfranken, Rolf Müßig, Geschäftsführer Arche gGmbH, Caritas-Direktorin Pia Theresia Franke sowie Georg Sperrle, Geschäftsführer Caritas Einrichtungen gGmbH.
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